EU_Flaggen

Jens Wilhelm: "Mehr Nachhaltigkeit, weniger Risiko"

Die High-Level Expert Group on Sustainable Finance entwickelt im Auftrag der Europäischen Kommission Konzepte, wie sich Nachhaltigkeit und Finanzwirtschaft besser in Einklang bringen lassen. Nun liegt der Abschlussbericht zum Thema “Financing a Sustainable European Economy” vor.

Nachhaltiges Investieren ist im Asset Management schon lange ein zentrales Thema, und inzwischen hat es auch die höchsten Gremien der Europäischen Union erreicht. Im Dezember 2016 wurde von der Europäischen Kommission die High-Level Expert Group on Sustainable Finance eingesetzt, in der Vertreter von NGOs, Vermögensverwaltern, Börsen, Verbänden und Kapitalsammelstellen sitzen. Am 31. Januar 2018 wurde der Abschlussbericht veröffentlicht, der die Rolle der Integration von Nachhaltigkeitsresearch in den Investmentprozess stärkt. Darin werden weitreichende Forderungen erhoben, etwa nach einheitlichen und verbindlichen Klassifizierungssystemen und Standards für nachhaltige Investments, nach mehr Langfristorientierung in der Kapitalanlage und nach höheren Transparenz- und Offenlegungspflichten für Investoren und Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit. Auch die Notwendigkeit einer Ausweitung des herkömmlichen Risikobegriffs um die sogenannten ESG-Kriterien aus den Bereichen Environment, Social und Governance wird angemahnt.

Es ist wichtig und zu begrüßen, dass die Expertengruppe diese Forderungen erhebt und damit den Grundsätzen nachhaltigen Investierens ein festes Fundament verleiht. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Bedeutung dieser nur vermeintlich weichen Kriterien am Kapitalmarkt lange unterschätzt wurde – zu lange. Aktuelle Beispiele wie der Dieselskandal bei Volkswagen oder der Korruptionsskandal rund um das brasilianische Ölunternehmen Petrobras sind kursrelevante Geschehnisse, die in den mangelhaften Nachhaltigkeitsscores der betroffenen Unternehmen ihre Schatten vorauswarfen. Es ist kein Zufall, dass viele nach ESG-Kriterien gemanagten Portfolios dort nicht investiert waren.

Das Thema Nachhaltigkeit hat sich auch bei Union Investment längst als fester Bestandteil des Risikomanagements etabliert und ist tief in den Investmentprozess eingebettet. Dabei geht es um vier Risiken, die durch die Betrachtung von ESG-Kriterien frühzeitig erkannt und gemieden oder im konstruktiv-kritischen Unternehmensdialog abgestellt werden können. Konkret gemeint sind damit Klage-, Regulierungs-, Reputations- und Eventrisiken. Und von jeder dieser vier Risikoklassen geht eine potenzielle Bedrohung für das Portfolio aus. Es ist daher nicht nur für nachhaltig ausgerichtete Investoren von größtem Interesse, ESG-Kriterien als zusätzlichen Filter in das Risikomanagement einzubetten.

Mehr Augenmerk auf extrafinanzielle Kriterien

Die althergebrachte klassische Fundamentalanalyse mit einem starken Fokus auf Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung sowie Kapitalflussrechnung reicht alleine nicht mehr aus, um diese Risiken messbar und steuerbar zu machen. Die Fundamentalanalyse muss um extrafinanzielle Kriterien, unter die die Nachhaltigkeitskriterien fallen, erweitert werden, um der heutigen Komplexität gerecht zu werden. Darauf weist auch die Brüsseler Expertengruppe hin.

Folgerichtig räumt der Bericht aus Brüssel dem Nachhaltigkeitsgedanken im Investmentprozess einen gleichermaßen hohen wie angemessenen Stellenwert ein. In der politischen Diskussion stellt sich dabei schnell die Frage, inwiefern die Berücksichtigung von ESG-Kriterien Gegenstand einer regulatorischen Initiative sein sollte. Nach unserer Einschätzung, getroffen auch vor dem Hintergrund von rund 25 Jahren Erfahrung in der Verzahnung von ESG-Kriterien und fundamentalem Research, ist eine regulatorische Verpflichtung nicht der Königsweg. Schließlich ist jeder Asset Manager aus seiner treuhänderischen Rolle als Vermögensverwalter verpflichtet, im Interesse der Anleger zu handeln und folglich zur Vermeidung von Risiken auch ESG-Kriterien zu berücksichtigen.

Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Herausforderung: Je globaler ein Asset Manager aufgestellt ist, desto schneller stößt er als Investor an seine Grenzen bezüglich der Datenlage. Zwar konnten in den vergangenen Jahren wesentliche Verbesserungen – nicht nur, aber vor allem im Aktienbereich – erzielt werden. Doch sind Investoren weiterhin gezwungen, sich die Daten aus diversen Quellen eigenständig zusammenzustellen, um ein konturiertes Bild von der Risikolandkarte eines Emittenten zu bekommen. Aus diesem Grund arbeiten die Portfoliomanager bei Union Investment mit der selbst entwickelten Nachhaltigkeitsdatenbank SIRIS, in der entsprechende Kennziffern von 13.000 Emittenten und 59.000 Wertpapieren hinterlegt sind. Ursprünglich als Werkzeug für die Nachhaltigkeitsspezialisten im Hause entwickelt, gehört die Schulung im Umgang mit diesem Tool mittlerweile für alle Portfoliomanager zur Pflicht.

Es gibt freilich noch einen weiteren Grund, sich intensiv mit Nachhaltigkeitsthemen zu befassen: nämlich den, ein besseres Gefühl für die Tragfähigkeit von Geschäftsmodellen zu bekommen. Tiefgehende Kenntnisse hinsichtlich der künftigen Emissionsstandards erlauben beispielsweise eine fundierte Einschätzung, welche Unternehmen etwa im Transportsektor diesbezüglich führend sein werden. Und wer sich mit dem demografischen Wandel und den damit einhergehenden gesundheitlichen Problemen der Bevölkerung auskennt, kann die künftige Nachfrage nach medizinischen Hilfsmitteln besser einschätzen. Immer, wenn disruptive Veränderungen einen Sektor oder eine Region bedrohen, stehen die Chancen gut, mithilfe von ESG-Research als Frühindikator anderen Marktteilnehmern einen Schritt voraus zu sein.

Stark gewachsenes Kundeninteresse

Nicht nur auf der Anbieterseite, sondern auch auf Kundenseite hat das Interesse an Nachhaltigkeitsthemen zuletzt stark zugenommen. Immer mehr institutionelle Investoren wünschen sich eine Strategie, die ESG-Kriterien integriert. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens hat sich in Zeiten von COP 21 und Dieselgate die Wahrnehmung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Bevölkerung gewandelt. Ein auf ESG-Kriterien ausgerichtetes Investment verspricht eine höhere Stabilität, da etwa die genannten Risiken enger überwacht werden. Zweitens sorgt die Integration dieser Kriterien in den Investmentprozess dafür, dass Zukunftstechnologien sowie neue und innovative Geschäftsmodelle unmittelbar Berücksichtigung im Portfolio finden. Die Integration von ESG-Kriterien ist für Vermögensverwalter nicht mehr eine Frage des Ob, sondern des Wann. Schon heute gehört die Berücksichtigung von Nachhaltigkeit in der Anlagestrategie bei institutionellen Investoren zur neuen Normalität.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Abschlussbericht der High-Level Expert Group on Sustainable Finance ruft Vermögensverwaltern ihre treuhänderischen Pflichten in Erinnerung, die es in allen Belangen ernstzunehmen gilt. Auch ohne regulatorische Verpflichtung gibt es genügend gute Gründe, ESG-Kriterien in die Investmentstrategie zu integrieren. Wenn darüber hinaus die im Abschlussbericht enthaltenen wesentlichen Forderungen Eingang finden in den Aktionsplan für eine nachhaltige Finanzwirtschaft, den die Europäische Kommission im März 2018 vorlegen will, dann wäre das eine gute Nachricht für Europa.

Jens Wilhelm
Vorstand Portfoliomanagement, Immobilien und Infrastruktur

Jens Wilhelm ist seit 2008 Mitglied des Vorstands der Union Asset Management Holding AG. Als Chief Investment Officer verantwortet er das Portfoliomanagement, das Immobilienfondsgeschäft sowie das Segment IT-Infrastruktur. Darüber hinaus ist Wilhelm seit 2014 Mitglied im Präsidium des Deutschen Aktieninstituts. Zum 1. März 2016 wurde er in die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex berufen.