Digitale Hauptversammlungen

Die Hauptversammlung ist ein entscheidendes Element für eine funktionierende Aktionärsdemokratie

In diesem Jahr wird Bayer die erste virtuelle Hauptversammlung in der Geschichte deutscher börsennotierter Unternehmen veranstalten. Union Investment nimmt im Rahmen ihrer Engagement-Aktivitäten an der Veranstaltung teil. Jens Wilhelm, Mitglied des Vorstands und unter anderem zuständig für das Portfoliomanagement und Dr. Vanda Heinen, ESG-Analystin, haben zu den Herausforderungen virtueller Hauptversammlungen und dem derzeit kontrovers diskutierten Thema Dividende in einem Interview Stellung genommen.

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Wie bereiten Sie sich auf Ihren Einsatz in den bevorstehenden virtuellen Hauptversammlungen vor?

Wilhelm: Wichtig ist mir zu betonen, dass die virtuelle Hauptversammlung in der derzeitigen Form nur eine Übergangslösung sein kann. Die Hauptversammlung ist ein entscheidendes Instrument für eine funktionierende Aktionärsdemokratie und zentrales Element der Corporate Governance. So haben die Anteilseigner dort unter anderem ein Frage- und Auskunftsrecht gegenüber dem Vorstand und Aufsichtsrat. Das muss uneingeschränkt erhalten bleiben.

Jens Wilhelm im Gespräch

Die Hauptversammlung ist ein entscheidendes Instrument für eine funktionierende Aktionärsdemokratie und zentrales Element der Corporate Governance.

Jens Wilhelm

Mitglied des Vorstands Union Investment

Braucht es wirklich noch den Dialog in einer Präsenzveranstaltung? Legen Investoren nicht schon vorher fest, wie sie abstimmen werden?

Heinen: Natürlich bilden wir uns zu den Tagesordnungspunkten schon vorher eine Meinung. Aber es geht auf der Hauptversammlung auch nicht allein um das Abstimmungsergebnis. Wir haben nur dort die Gelegenheit, unsere Meinung vor den gesamten Gremien darzulegen. Man kann nicht nur über die Abstimmung Druck ausüben, sondern auch durch die öffentliche Diskussion kritischer Themen, die zum Teil nicht explizit auf der Tagesordnung stehen. Auch das gibt Unternehmen ein Zeichen, das sie nicht ignorieren können. Das konnte man zum Beispiel in der Klimadebatte auf der Siemens-Hauptversammlung erkennen.

Spricht man als Investor nicht schon vor dem Aktionärstreffen ausführlich über relevante Punkte mit dem Aufsichtsratschef?

Wilhelm: Wir tun das, wir suchen den Dialog, doch nicht jeder Aktionär hat direkten Zugang zu Vorstand oder Aufsichtsrat und kann sich dort Gehör verschaffen. Diese Möglichkeit bietet für viele nur die Hauptversammlung. Selbstverständlich sollte man darüber nachdenken, die Präsenzveranstaltung mit neuen Technologien zu ergänzen und digitaler zu machen.

Heinen: Man sollte den Aktionären ermöglichen, sich während der Versammlung interaktiv auf elektronischem Weg zu Wort zu melden und Fragen zu stellen. Das wird in der aktuellen Saison in den virtuellen Veranstaltungen allerdings nicht angeboten. Fragen müssen vorher eingereicht werden, der Vorstand hat freie Hand, welche er beantwortet und welche nicht. Damit werden elementare Aktionärsrechte beschnitten.

Lässt sich feststellen, dass Unternehmen angesichts der eingeschränkten Aktionärsrechte in der virtuellen HV nun intensiver den Dialog mit Investoren suchen?

Wilhelm: Es gibt einen intensiven Austausch rund um die virtuelle HV, die für beide Seiten Neuland bedeutet. Unternehmen sollten die gegebenen technischen Möglichkeiten umfassend nutzen, wobei es nicht nur um Mindeststandards gehen kann. Die Coronakrise darf nicht zu einer Schwächung der Corporate Governance führen, die ja Unternehmensinteresse und Aktionärsinteresse in Einklang bringen soll.

Heinen: Wir begrüßen die Pläne der Deutschen Bank, Reden von Vorstands- und Aufsichtsratschef vorher zu veröffentlichen und Wortbeiträge von Aktionären auf der HV-Website bereitzustellen. Wir setzen darauf, dass auch andere Unternehmen später im Jahr aktionärsfreundlichere Lösungen finden und nicht nur das Minimalprogramm durchziehen, wie es bei Bayer der Fall ist.

Schauen wir auf die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Pandemie. Gibt es bestimmte Dinge, die Sie in der Coronakrise als Investor von Unternehmen erwarten?

Wilhelm: Wir schauen uns genau an, inwieweit der Dividendenvorschlag vertretbar ist. Genauso werden wir uns ein Bild über das Krisenmanagement der Unternehmen verschaffen. Daneben bleiben ESG-Themen und Nachhaltigkeit relevant, auch wenn sie aktuell etwas in den Hintergrund rücken. Doch für die langfristige Ausrichtung behalten sie ihre Bedeutung. Mit Blick auf Corona ist es für uns auch wichtig, wie Unternehmen die Gesundheit ihrer Mitarbeiter schützen und welche Konzepte sie verfolgen, um die Produktion wieder anlaufen zu lassen.

Bleiben auch die üblichen Governance-Themen auf der Agenda? 

Heinen: Natürlich. Hier geht es vorrangig um die Besetzung von Gremien. Die Ämterhäufung ist nach wie vor ein akutes Thema. Gerade in der aktuellen Situation wird deutlich, dass Aufsichtsräte genügend Zeit für ihre Mandate mitbringen müssen. Wenn man als Vorstand oder CEO im eigenen Unternehmen schon sehr stark gefordert ist und zusätzlich noch mehrere Aufsichtsratsmandate wahrnimmt, dürfte es eng werden.

Wilhelm: In der Pandemie zeigt sich auch, wie wichtig Altersgrenzen für Aufsichtsräte sind. Zahlreiche Gremienmitglieder zählen zur Risikogruppe, können also unter Umständen nicht mehr vor Ort präsent sein. Auch unabhängig von Corona plädieren wir weiter für eine Verjüngung der Aufsichtsräte.

Was ist für eine Fondsgesellschaft in Pandemiezeiten die adäquate Dividendenpolitik?

Wilhelm: Wir beobachten im Anlegerinteresse genau, wie Entscheidungen getroffen werden. Dazu kommt regulatorischer Druck etwa bei Banken und Versicherern. Manches Unternehmen verschiebt die Hauptversammlung, um vielleicht später bei einer Aufhellung der Situation doch noch eine Dividende zahlen zu können. Hier ist noch keine einheitliche Linie zu erkennen. Dividenden sind für Investoren eine wichtige Performancequelle. Wer Dividende zahlen kann, sollte das auch tun. Deshalb müssen Unternehmen ihre finanzielle Situation transparent machen.