Brexit

Britisches EU-Referendum: Down – and out!

Sie haben es tatsächlich getan – die Briten haben sich für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) entschieden! Lange wurde ein Brexit eher als feuilletonistische Fingerübung denn als realistisches Szenario abgetan. Umso größer ist heute die Katerstimmung. Jetzt ist klar: Nach 43 Jahren hat Großbritannien das Ende seiner EU-Mitgliedschaft besiegelt.

Aus Investorensicht ist der Ärmelkanal mit dem Brexit erheblich breiter geworden.

(Björn Jesch, Leiter Portfoliomangement)

Ergebnis kennt nur Verlierer
Aus wirtschaftlicher Sicht kennt das Ergebnis nur Verlierer. Allen voran wird das Vereinigte Königreich unter der Entscheidung leiden. Bislang war die Inselnation für Unternehmen aus Asien und Amerika das Tor zu Europa. Dieser Vorteil geht nun verloren. Wir rechnen bei Union Investment schon für 2016 mit einem Rückgang des britischen Wirtschaftswachstums auf 1,6 Prozent (nach 2,3 Prozent im Vorjahr). Wäre der Brexit abgewendet worden, hätte das Brutto-Inlandsprodukt (BIP) viel deutlicher zulegen können. Nach unseren Berechnungen verzichten die Briten auf ein knappes Drittel ihres Wachstums für 2017. Verglichen damit ist die Einsparung des britischen Netto-Beitrags an die EU von neun Milliarden Pfund fast schon ein „little something“. Zudem ist ungewiss, wie die mehrheitlich pro-europäisch eingestellten Schotten und Nordiren auf das Referendum reagieren. Im schlimmsten Fall könnte der Bestand des Vereinigten Königreichs auf dem Spiel stehen.

Schock für Europa
Für Kontinentaleuropa ist es ebenfalls ein Schock. Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen droht ein institutioneller Dammbruch, denn auch in anderen Ländern dürfte die Austritts-Diskussion an Fahrt gewinnen: in den Peripherieländern (z.B. Italien) als verheißungsvoller Ausweg aus dem deutschen ‚Spardiktat‘, in den Kernländern (wie den Niederlanden), weil finanzielle Lasten ohne die Briten auf noch weniger Schultern verteilt werden. An den Kapitalmärkten wir daher zunehmend die Möglichkeit einer Kettenreaktion gesehen, das heißt es die Sorge vor einem Zerfasern des europäischen Projektes (inklusive der Währungsunion) wird verstärkt eingepreist.

An den Kapitalmärkten wächst die Sorge vor einem Zerfasern der EU.

(Björn Jesch, Leiter Portfoliomangement)

Nächste Weiche: Spanien-Wahl
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die am Sonntag, dem 26. Juni, anstehende Parlamentswahl in Spanien zusätzlich an Gewicht. Dort sagen die Umfragen ein starkes Abschneiden der europakritischen Podemos voraus. Es zeichnet sich abermals eine Hängepartie bei der Regierungsbildung ab. Verliert das pro-europäische Reformlager wieder einmal eine Wahl, droht ein Erlahmen des Veränderungswillens. Kann in Madrid aber eine stabile und zudem reformfreudige Regierung gebildet werden, dürfte das Signal auch über die iberische Halbinsel hinaus positiv wirken.

Defensive lautet das Gebot der Stunde
Sicherheit ist an den Märkten derzeit die oberste Devise. Bundesanleihen oder US-Treasuries profitieren von der Suche nach ‚sicheren Häfen‘. Gleiches gilt für Gold, die ultimative Rückversicherung gegen Finanzmarktturbulenzen. Am Devisenmarkt empfiehlt sich vor allem der US-Dollar als Schutz vor dem Brexit-Fallout. Beim Japanischen Yen und dem Britischen Pfund ist bereits unmittelbar nach der Bekanntgabe des Ergebnisses viel passiert. Hingegen steht der Euro mit der Entscheidung der Briten anlagetechnisch vorerst auf dem Abstellgleis. Auf der Aktienseite dürften ebenfalls vor allem Papiere von der Insel sowie aus Kontinentaleuropa weiter leiden, ebenso wie risikobehaftete Segmente des Rentenmarktes. Dies gilt umso mehr, als in den nächsten Tagen auch modellgetriebene Investoren verstärkt als Verkäufer in diesen Bereichen auftreten können.

Treten die Zentralbanken dem aktuellen Sturm an den Märkten entschlossen entgegen, könnte der Wind schnell wieder drehen.

(Björn Jesch, Leiter Portfoliomangement)

Aktivität bleibt Trumpf
Selten war ein Börsenjahr so schwankungsstark wie 2016. Auch wenn die aktuellen Vorzeichen einen ruppigen Sommer an den Kapitalmärkten erwarten lassen, so lassen sich damit noch längst keine Schlüsse auf das Gesamtjahr ziehen. Dafür ist das Umfeld schlicht zu instabil – und zwar in beide Richtungen. Diese Schnelllebigkeit birgt ohne Frage Risiken, eröffnet aktiven und entschlossenen Investoren gleichzeitig aber auch Chancen. Wir halten beispielsweise eine konzertierte Aktion der wichtigsten Notenbanken für möglich. Treten die Zentralbanken dem aktuellen Sturm an den Märkten entschlossen entgegen, könnte der Wind schnell wieder drehen. Wer dauerhaft mit dem Bären-Express durch die Börsenlandschaft braust, könnte daher die ein oder andere unangenehme Überraschung erleben.

Jens Wilhelm,Union Investment Vorstand:

Jens Wilhelm, Chief Investment Officer

Wie nicht nur die Brexit-Debatte gezeigt hat, befindet sich die EU in einer tiefen institutionellen Krise. Die EU und auch die Währungsunion drohen Risse zu bekommen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist ein Neuanfang nötig. Kompromisse und Lösungen müssen her, die allerdings nicht zum Nulltarif zu haben sind.
Es fehlt eine Zukunftsvision, die den Europäern ihre Nation als Heimat belässt, ihnen keinen Brüsseler Zentralstaat überstülpt und trotzdem ein hohes Maß an wirtschaftlicher Stabilität erreicht. Es sollten daher nur jene Aufgaben europäisiert werden, die den Wirtschaftsraum wirksam weiterentwickeln.